Wenn der Wind von der See kommt

VORLESEGESCHICHTEN FÜR SENIOREN

6/7/20264 min read

Segelboot-Aquarell zur Vorlesegeschichte für Senioren – einzelnes Holzboot mit hellen Segeln auf See
Segelboot-Aquarell zur Vorlesegeschichte für Senioren – einzelnes Holzboot mit hellen Segeln auf See

Salz auf den Lippen, knirschender Sand unter nackten Füßen, der Schrei der Möwen über grauer See – und eine weiße Muschel, leicht wie altes Porzellan. Ein stiller Septembermorgen am leeren Strand, der alte Erinnerungen ans Meer weckt.

Neu hier? Unsere Sternenbrise-Geschichten sind kleine Türöffner: Sie wecken Erinnerungen und bringen ältere Menschen ins Erzählen. Das Wichtigste passiert nach dem Vorlesen - im Gespräch. So wirken unsere Geschichten →

Tipps zum Vorlesen:

Im Text findest du fett gedruckte Anweisungen in Klammern – diese sind nur für dich. Sie zeigen dir, wann eine Pause sinnvoll ist oder welche Stimmung passt. Lies ruhig und natürlich, gib Raum für Reaktionen. Zeig Emotionen und lass sie wirken, damit sie sich entfalten können.

Nach der Geschichte findest du Gesprächsanregungen. Diese Fragen sind der eigentliche Öffner: Sie bringen dein Gegenüber ins Erzählen, wecken weit zurückliegende Erinnerungen. Sei neugierig, was dein Gegenüber dir zu erzählen hat.

Wenn der Wind von der See kommt

Lotte schnürte ihre Halbschuhe fester und schob die Tür des kleinen Ferienhauses auf. Der Wind kam ihr sofort entgegen – nicht heftig, aber bestimmt, wie eine große Hand, die sie begrüßte. Er roch nach Salz und nach Tang, nach etwas Moorigem, das sie nicht benennen konnte, aber sofort wiedererkannte. Dieser Geruch. Immer dieser Geruch.

(Langsam und bedächtig)

Der Strandweg führte durch ein schmales Kiefernwäldchen. Hier roch es plötzlich anders: harzig und warm, nach Sonne auf Nadeln. Die Zweige raschelten trocken über ihr. Der Sand unter den Sohlen knirschte hell und fest, bei jedem Schritt. Es war ein Septembermorgen, früh noch. Von anderen Urlaubern war nichts zu sehen. Die Saison war vorbei. Lotte mochte das.

Dann öffnete sich das Wäldchen, und das Meer lag vor ihr. Grau und silbern heute, mit langen, flachen Wellen, die sich träge an den Strand schoben. Die Möwen schrien. Drei oder vier kreisten über dem Wasser, ihre Rufe scharf und nass, als wären sie aus dem Wasser selbst gemacht. Lotte blieb stehen und sah ihnen zu.

(Kurze Pause)

Sie zog die Jacke enger. Nicht weil ihr kalt war – der Wind war milder als erwartet –, sondern weil es sich so gehörte an einem leeren Strand. Man hielt sich zusammen. Ihre Schuhe versanken jetzt leicht im feuchten Sand. Das Gehen wurde breiter, langsamer, ein anderes Gehen als in der Stadt.

Lotte zog die Schuhe aus und knotete sie an den Schnürsenkeln zusammen. Die Socken steckte sie hinein. Barfuß ging sie weiter. Der nasse Sand war kühl und fest unter ihren Fußsohlen, und mit jedem Schritt drückte sich das Wasser kalt zwischen ihren Zehen hervor. Es kitzelte ein wenig.

Strand-Aquarell zur Vorlesegeschichte für Senioren – Kiefern an der Düne, Strandund weite, ruh
Strand-Aquarell zur Vorlesegeschichte für Senioren – Kiefern an der Düne, Strandund weite, ruh

Ein leerer Strand, nur Wind, Möwen und das Rauschen der See.

(Langsam und bedächtig vorlesen)

Lotte dachte an Heinz. Wie er immer als Erster ins Wasser gerannt war, früher, damals in Travemünde. Er hatte geschrien vor Kälte, und sie hatte gelacht, und die Kinder hatten gelacht. Hinterher hatten sie alle Würstchen gegessen, heiß aus dem Papier, die nach Rauch und scharfem Senf schmeckten. Sie konnte es fast wieder schmecken. Das war lange her. Vierzig Jahre, mindestens.

(Kurze Pause)

Sie ging weiter. Der Strandhafer zu ihrer Rechten bog sich im Wind. Die langen Halme strichen gegeneinander, mit einem leisen, papiernen Geräusch, fast wie Flüstern. Eine leere Muschel lag auf dem flachen Sand, weiß und offen, groß wie eine halbe Hand. Lotte bückte sich und hob sie auf. Außen war sie rau und gerippt, innen glatt und mattrosa, wie altes Porzellan. Sie wog fast nichts.

Früher hatte sie solche Muscheln mitgenommen. Auf die Fensterbank gestellt, auf den Kühlschrank, auf das Regal im Flur. Irgendwann hatte sie aufgehört damit. Sie wusste nicht mehr genau, warum. Heute steckte sie die Muschel in die Jackentasche.

(Lächelnd vorlesen)

Am Ende des Strandes, wo die Steine begannen, setzte sie sich auf einen der großen Findlinge, die dort lagen wie hingestellt. Der Stein war kühl und vom Wind glatt geschliffen. Für einen Augenblick brach die Sonne durch und legte sich warm auf ihren Rücken. Der Wind trocknete ihr die Wangen. Das Meer rauschte. Die Möwen riefen, weiter weg jetzt.

(Zeit zum Nachdenken lassen)

Lotte schloss kurz die Augen. Salz auf den Lippen, der Geruch von Tang und nassem Holz, das irgendwo trieb. Sie hörte auf zu denken und hörte einfach zu.

Das Salz trocknete weiß auf ihren Lippen. In der Tasche lag die Muschel, kühl und leicht. Und vor ihr lag das Meer, grau und silbern, bis dorthin, wo es den Himmel berührte.

Gesprächsanregungen

Lies die Geschichte vor - und komme danach mit diesen Fragen ins Gespräch.

  • Wenn Sie an das Meer denken – welcher Geruch oder welches Geräusch kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

  • Wie sahen Ausflüge ans Wasser bei Ihnen in der Familie früher aus – ans Meer, an einen See oder an einen Fluss?

  • Lotte hat früher Muscheln gesammelt und auf die Fensterbank gestellt. Was haben Sie als Kind oder später gesammelt und mit nach Hause gebracht – und wo hatte es bei Ihnen seinen Platz?

  • Am Strand denkt Lotte an ihren Mann Heinz und an gemeinsame Stunden von früher. An welchen Menschen denken Sie, wenn Sie an einen schönen Tag draußen in der Natur zurückdenken?

  • Am Ende setzt sich Lotte auf einen Stein, schließt die Augen und hört einfach nur zu. Gibt es einen Ort, an dem Sie gern einen Moment innehalten – und wie sieht es dort aus?

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