Die Maus im Kohlekeller

VORLESEGESCHICHTEN FÜR SENIOREN

6/4/20264 min read

Aquarell eines alten Kohlekellers mit Kohlenhaufen, Holzleiter und Glühbirne
Aquarell eines alten Kohlekellers mit Kohlenhaufen, Holzleiter und Glühbirne

Der herbe Geruch von Kohle und feuchtem Mauerwerk, das laute Scheppern der Schaufel im Eimer, die klamme Kühle des Steinbodens – und plötzlich eine kleine graue Maus, die über den Boden huscht. Ein kalter Novembertag im Kohlekeller, der Erinnerungen an das Heizen von früher weckt.

Neu hier? Unsere Sternenbrise-Geschichten sind kleine Türöffner: Sie wecken Erinnerungen und bringen ältere Menschen ins Erzählen. Das Wichtigste passiert nach dem Vorlesen - im Gespräch. So wirken unsere Geschichten →

Tipps zum Vorlesen:

Im Text findest du fett gedruckte Anweisungen in Klammern – diese sind nur für dich. Sie zeigen dir, wann eine Pause sinnvoll ist oder welche Stimmung passt. Lies ruhig und natürlich, gib Raum für Reaktionen. Zeig Emotionen und lass sie wirken, damit sie sich entfalten können.

Nach der Geschichte findest du Gesprächsanregungen. Diese Fragen sind der eigentliche Öffner: Sie bringen dein Gegenüber ins Erzählen, wecken weit zurückliegende Erinnerungen. Sei neugierig, was dein Gegenüber dir zu erzählen hat.

Die Maus im Kohlekeller

Liesel stand oben an der Kellertreppe und zögerte. Die Holzstufen knarrten unter ihren Füßen.

(Langsam und bedächtig)

Sie brauchte Kohlen für den Ofen. Draußen war es kalt geworden, der November stand vor der Tür. Mit dem leeren Eimer in der Hand tastete sie nach dem Lichtschalter. Die nackte Glühbirne flackerte auf und warf einen gelben, zittrigen Schein über die Wände.

Der Keller roch nach Erde und Kohlenstaub, feucht und ein wenig herb. Kühl war es hier unten, ganz anders als oben in der warmen Küche.

(Tief einatmen, als würde man selbst den Kellergeruch riechen)

Liesel stieg die Stufen hinab. Ihre Schuhe scharrten auf dem rauen Steinboden, und mit jeder Stufe legte sich die Kühle schwerer auf ihre Arme.

Die Kohlen lagen in einer Ecke, aufgeschüttet zu einem kleinen schwarzen Berg, der im schwachen Licht matt glänzte. Liesel stellte den Eimer ab und griff zur Schaufel. Das Metall des Stiels war eiskalt und glatt in ihrer Hand.

(Kurze Pause)

Sie stach die Schaufel in die Kohlen. Die Brocken polterten laut in den leeren Eimer, ein dunkles, scharfes Scheppern. Eins, zwei, drei Schaufeln. Feiner Kohlenstaub stieg auf und kitzelte in der Nase.

Plötzlich huschte etwas an ihrem Fuß vorbei. Liesel zuckte zusammen und ließ die Schaufel fallen, die scheppernd auf den Stein schlug.

(Zeit zum Nachdenken lassen)

Eine Maus. Klein und grau, mit zuckenden Schnurrhaaren und einem dünnen, rosa Schwänzchen. Sie flitzte über den Boden und verschwand hinter einer alten Holzkiste.

Aquarell einer kleinen grauen Maus, die an einem schwarzen Kohlestück schnuppert
Aquarell einer kleinen grauen Maus, die an einem schwarzen Kohlestück schnuppert

Klein und grau, mit zuckenden Schnurrhaaren – und schon hinter der alten Holzkiste verschwunden

Liesel legte sich die Hand auf die Brust. Ihr Herz klopfte schneller als nötig. Es war nur eine Maus. Nichts Schlimmes. Und doch standen ihr die Härchen am Arm zu Berge.

Sie bückte sich und hob die Schaufel wieder auf. Das kalte Metall beruhigte sie ein wenig. Vorsichtig spähte sie zur Kiste hinüber. Nichts regte sich. Die Maus war fort, wahrscheinlich genauso erschrocken wie sie selbst.

(Lächelnd vorlesen)

Liesel schaufelte die letzte Kohle in den Eimer. Dann nahm sie ihn am Henkel, der ihr schwer in die Finger schnitt, und ging zur Treppe. Schneller als sonst stieg sie hinauf. Die Stufen knarrten noch lauter als zuvor.

Oben in der Küche schlug ihr die Wärme entgegen, weich und wohlig nach der Kellerkälte. Sie stellte den Eimer neben den Ofen. Ihre Hände waren schwarz vom Kohlenstaub, und sie wusch sie am Spülstein. Das Wasser war eisig, doch die Seife roch nach Kernseife, sauber und vertraut.

(Kurze Pause)

Durch das beschlagene Fenster sah sie ihren Nachbarn vorbeigehen, Herrn Weber, auf dem Weg zum Bäcker. Sie klopfte an die Scheibe und winkte. Er hielt inne.

Sie öffnete das Fenster einen Spalt; kalte Luft strich herein. "Herr Weber! Bei mir im Keller sitzt eine Maus!" Er lachte. "Nur eine? Bei mir sind es bestimmt drei." Liesel musste lachen. "Na, dann bin ich ja noch gut dran."

Sie schloss das Fenster wieder, damit die Kälte draußen blieb.

(Zeit zum Nachdenken lassen)

Liesel öffnete die Ofenklappe. Die alten Kohlen glühten noch schwach, rot und orange in der dunklen Glut. Sie schüttete die neuen nach. Das Feuer fauchte leise, knisterte und flackerte auf. Eine Welle Wärme strömte heraus und strich ihr übers Gesicht.

(Lächelnd vorlesen)

Sie zog sich einen Stuhl heran und hielt die kalten Hände an die warme Ofentür. Draußen fiel das erste graue Licht des Nachmittags, und im Ofen sang das Feuer sein leises, knisterndes Lied.

Gesprächsanregungen

Lies die Geschichte vor - und komme danach mit diesen Fragen ins Gespräch.

  • Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den herben Geruch von Kohle und feuchtem Kellermauerwerk denken?

  • Wie wurde bei Ihnen oder in Ihrer Familie früher geheizt, und wer war fürs Kohlenholen zuständig?

  • Welche Vorräte oder Dinge wurden bei Ihnen oder in Ihrer Familie unten im Keller aufbewahrt?

  • Welches Gefühl löst es in Ihnen aus, aus einem kalten, dunklen Raum zurück in eine warme Stube zu kommen?

  • Wenn diese kleine graue Maus erzählen könnte, wie der Keller aus ihrer Sicht aussieht – was würde sie wohl berichten?

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