Die Marktfrau und die ersten Erdbeeren

VORLESEGESCHICHTEN FÜR SENIOREN

5/30/20264 min read

Aquarell eines alten Wochenmarkts mit hölzernen Marktständen voller Obst im Morgendunst
Aquarell eines alten Wochenmarkts mit hölzernen Marktständen voller Obst im Morgendunst

Der süße, frische Duft der ersten Erdbeeren des Jahres, das Klicken der alten Marktwaage, Stimmengewirr über feuchtem Kopfsteinpflaster – und das Rascheln von Zeitungspapier um zwei Pfund leuchtend rote Früchte. Ein Frühsommermorgen auf dem Wochenmarkt, der Erinnerungen ans Markttreiben weckt.

Neu hier? Unsere Sternenbrise-Geschichten sind kleine Türöffner: Sie wecken Erinnerungen und bringen ältere Menschen ins Erzählen. Das Wichtigste passiert nach dem Vorlesen - im Gespräch. So wirken unsere Geschichten →

Tipps zum Vorlesen:

Im Text findest du fett gedruckte Anweisungen in Klammern – diese sind nur für dich. Sie zeigen dir, wann eine Pause sinnvoll ist oder welche Stimmung passt. Lies ruhig und natürlich, gib Raum für Reaktionen. Zeig Emotionen und lass sie wirken, damit sie sich entfalten können.

Nach der Geschichte findest du Gesprächsanregungen. Diese Fragen sind der eigentliche Öffner: Sie bringen dein Gegenüber ins Erzählen, wecken weit zurückliegende Erinnerungen. Sei neugierig, was dein Gegenüber dir zu erzählen hat.

Die Marktfrau und die ersten Erdbeeren

Hedwig stand hinter ihrem Marktstand und ordnete die Holzkisten mit den Erdbeeren.

(Langsam und bedächtig)

Die Früchte leuchteten rot in der Morgensonne. Ihre Oberfläche glänzte noch vom Tau. Ein süßer, frischer Duft stieg auf, der erste richtige Sommerduft des Jahres. Hedwig steckte sich eine kleine, krumme Beere in den Mund. Süß war sie, mit einer feinen Säure, und schmeckte nach Sonne und nach Garten.

(Tief einatmen, als würde man selbst den Duft riechen)

Sie strich mit dem Finger über eine besonders schöne Beere. Kühl und fest fühlte sie sich an, die kleinen Samen rau unter der Fingerkuppe.

Der Marktplatz füllte sich. Stimmen wurden lauter, Schritte hallten über das Kopfsteinpflaster. Irgendwo klapperte ein Handwagen über die Steine. Die Luft war noch kühl und roch nach nassem Pflaster, das die Sonne langsam trocknete.

(Kurze Pause)

Frau Meier vom Blumenstand rief ihr ein "Moin!" zu. Hedwig winkte zurück und rückte das Preisschild zurecht: "Erdbeeren, 1 Pfund 80 Pfennig". Die erste Ernte des Jahres. Darauf hatten die Leute den ganzen Frühling gewartet, und sie selbst auch.

Ein älterer Herr blieb stehen. Sein grauer Hut saß etwas schief. "Sind die von hier?", fragte er und beugte sich über die Kisten. "Vom Hof meines Schwagers", antwortete Hedwig. "Heute Morgen erst gepflückt." Der Mann nickte bedächtig und nahm eine Beere zwischen die Finger, drehte sie prüfend im Licht.

(Lächelnd vorlesen)

"Dann nehm' ich zwei Pfund. Meine Frau macht Marmelade."

Hedwig wog die Erdbeeren auf ihrer alten Waage ab. Das Metall klickte leise bei jeder Bewegung. Die Schale senkte sich, und der Zeiger pendelte sich langsam ein.

Sie wickelte die Früchte in Zeitungspapier, das in ihren Händen raschelte. Der Herr zahlte mit einem Zwei-Mark-Stück. Die Münze lag schwer und warm in Hedwigs Handfläche.

Aquarell einer Marktfrau im Kopftuch, die an ihrem Stand frische Erdbeeren ordnet
Aquarell einer Marktfrau im Kopftuch, die an ihrem Stand frische Erdbeeren ordnet

Die Früchte leuchteten rot in der Morgensonne, ihre Oberfläche glänzte noch vom Tau.

Immer mehr Menschen drängten sich zwischen den Ständen. Eine junge Mutter mit Kinderwagen, zwei Schuljungen mit Ledertaschen, ein Bäckergeselle in weißer Schürze. Alle blieben stehen, beugten sich über die Kisten, schnupperten, fragten nach dem Preis. Es war ein einziges Gewirr aus Stimmen, Lachen und dem Rollen der Wagenräder.

Die Sonne stieg höher und wärmte Hedwig den Rücken. Zwischen den Häusern roch es nach Brot, nach Blumen und immer wieder nach den Erdbeeren.

(Zeit zum Nachdenken lassen)

Hedwig verkaufte Pfund um Pfund. Ihre Hände wurden klebrig vom Beerensaft, und sie wischte sie ab und zu an der Schürze ab.

Eine Frau kostete eine Beere, bevor sie kaufte. "Süß sind die", sagte sie und lächelte. "Wie früher", sagte sie. Hedwig nickte. Das hörte sie an diesem Morgen besonders gern.

(Kurze Pause)

Gegen Mittag waren die Kisten fast leer. Nur noch eine Handvoll Erdbeeren lag am Boden der letzten Kiste. Hedwig nahm eine heraus und betrachtete sie. Kleine Samen auf roter Haut, das grüne Krönchen oben darauf, fest und glänzend.

Diese eine würde sie mitnehmen, für den Feierabend. Sie steckte sie behutsam in die Tasche ihrer Schürze.

Der Markt leerte sich langsam. Andere Händler packten schon zusammen. Holz knarrte, Planen wurden gefaltet und zusammengerollt, Kisten aufeinandergestapelt.

(Lächelnd vorlesen)

Hedwig wischte ihren Stand mit einem feuchten Tuch ab. Das Wasser roch nach Erde und nach Sommer, und das Holz wurde dunkel und glänzend unter dem Tuch. Auf dem leeren Brett glänzten noch ein paar rote Saftflecken in der Mittagssonne, und in der Schürzentasche lag, klein und kühl, die letzte Beere des Tages.

Gesprächsanregungen

Lies die Geschichte vor - und komme danach mit diesen Fragen ins Gespräch.

  • Hedwig schmeckt in der ersten Erdbeere „Sonne und Garten". Welcher erste Geschmack einer Jahreszeit war für Sie immer ein kleines Fest?

  • Der ältere Herr kauft zwei Pfund, weil seine Frau Marmelade kocht. Was wurde bei Ihnen oder in Ihrer Familie aus frischen Früchten gemacht – und was war das Besondere an diesen selbstgemachten Vorräten?

  • Der Wochenmarkt war für viele ein fester Treffpunkt mitten in der Woche. Wie sah der Markt- oder Einkaufstag bei Ihnen aus, und was hat Ihnen daran am meisten bedeutet?

  • Hedwig hebt sich ganz bewusst eine einzige Beere für den Feierabend auf. Was bedeutet es Ihnen, sich nach getaner Arbeit eine kleine, stille Freude zu gönnen?

  • Die ersten Erdbeeren gibt es nur für wenige Wochen, dann sind sie vorbei. Was schätzen Sie im Leben gerade deshalb besonders, weil es nur für eine kurze Zeit da ist?

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