Der Zug, der zu spät kam [Vorlesegeschichte für Pflegekräfte]
VORLESEGESCHICHTEN FÜR PFLEGEKRÄFTE
12/1/20258 min read
"Der Zug, der zu spät kam" - Vorlesegeschichte
Liebe Pflegekräfte,
diese warmherzige Geschichte über eine verspätete Zugfahrt mit unverhofften Begegnungen dauert etwa 10-12 Minuten im Vorlesen. Sie ist humorvoll, gesellig und perfekt für Bewohner, die früher viel Zug gefahren sind oder sich an die Atmosphäre alter Bahnhöfe und Zugabteile erinnern.
Worum geht es? Renate will pünktlich nach Hamburg fahren – doch ihr Zug hat zwei Stunden Verspätung. Aus dem Ärger wird ein unvergesslicher Tag: Sie lernt sieben fremde Menschen kennen, es gibt ein Bahnsteig-Konzert, einen Ausflug zum Döner-Imbiss und am Ende eine Freundschaft fürs Leben. Die Geschichte zeigt: Manchmal sind die besten Erlebnisse die ungeplanten.
Hinweise zum Vorlesen:
Die Geschichte beginnt gestresst, wird dann immer heiterer – lassen Sie diese Entwicklung in Ihrer Stimme hörbar werden
Die [Handlungsanweisungen] helfen Ihnen, zwischen anfänglicher Frustration, wachsender Geselligkeit und warmherzigem Ende zu wechseln
Bei den geselligen Szenen (Bahnsteig-Konzert, Döner-Imbiss) darf es lebhaft werden – die Bewohner sollen die fröhliche Stimmung spüren
Das Ende ist bedeutsam und rührend – hier ruhig langsamer und mit Wärme vorlesen
Warum diese Geschichte? Viele Ihrer Bewohner haben früher regelmäßig Zug gefahren – zur Arbeit, zu Verwandten, in den Urlaub. Die Erinnerungen an Zugabteile mit sechs Sitzplätzen, an Begegnungen mit Fremden, an Bahnhofsgaststätten und die besondere Atmosphäre von Zugreisen sind oft noch sehr lebendig. Diese Geschichte weckt diese nostalgischen Erinnerungen und zeigt gleichzeitig: Zwischenmenschliche Begegnungen können überall passieren – auch (oder gerade!) wenn etwas schiefgeht.
Nach dem Vorlesen: Die Fragen laden zu sehr persönlichen und oft nostalgischen Erzählungen ein. Zuggeschichten sind oft reich an Details: die langen Reisen, die interessanten Mitreisenden, die Abteile, in denen noch miteinander geredet wurde. Viele Bewohner werden auch von Verspätungen, verpassten Anschlüssen oder unerwarteten Abenteuern unterwegs berichten können. Lassen Sie viel Raum für diese Geschichten!
Besonders geeignet für:
Bewohner, die früher viel gereist sind
Menschen, die gerne von "früher" erzählen (Züge sind ein tolles Nostalgie-Thema!)
Gesellige Gruppen von 4-8 Personen
Nachmittage, an denen sowohl Humor als auch tiefere Gespräche willkommen sind
Tipp: Diese Geschichte funktioniert besonders gut in Gruppen, weil sie zum gegenseitigen Austausch einlädt. Oft erzählen sich die Bewohner dann gegenseitig von ihren Zugerlebnissen, und es entsteht eine lebhafte, gesellige Runde – genau wie auf dem Bahnsteig in der Geschichte!
Zusatztipp: Falls Sie Bildmaterial haben (alte Fotos von Bahnhöfen, Zügen mit Abteilen, historische Bahnhofshallen), passt das wunderbar zu dieser Geschichte und verstärkt die nostalgische Stimmung.
Zeitlicher Hinweis: Die Geschichte eignet sich das ganze Jahr über, ist aber besonders schön im Frühling oder Sommer – die Jahreszeiten, in denen viele früher auf Reisen gegangen sind.
Viel Freude beim Vorlesen – und lassen Sie sich von der Geselligkeit der Geschichte anstecken!


[Ruhig und beschreibend beginnen]
Renate stand auf dem Bahnsteig und schaute auf die große Anzeigetafel. Ihr Zug nach Hamburg sollte um 10:15 Uhr abfahren. Es war jetzt 10:14 Uhr.
Alles lief nach Plan.
Renate liebte Pläne. Sie hatte ihre Reise genau durchdacht: Um 10:15 Uhr abfahren, um 13:30 Uhr in Hamburg ankommen, dann zum Hotel, kurz ausruhen, und um 16 Uhr ihre alte Schulfreundin Inge treffen.
Perfekt.
[Mit leichter Spannung]
Dann blinkte die Anzeigetafel. Einmal. Zweimal. Und plötzlich stand da:
„Zug nach Hamburg – Verspätung: 120 Minuten"
„ZWEI STUNDEN?", rief Renate laut. Ein paar Leute auf dem Bahnsteig drehten sich zu ihr um.
„Tja", sagte ein älterer Herr neben ihr und zuckte mit den Schultern. „Willkommen bei der Deutschen Bahn."
Renate seufzte tief. Da war es wieder: das Chaos. Ihr Erzfeind. Der natürliche Gegner aller guten Pläne.
[Mit zunehmendem Humor]
Sie setzte sich auf eine Bank und holte ihr Handy heraus. Inge musste Bescheid wissen. Aber natürlich – ausgerechnet jetzt – war der Akku leer.
„Das kann doch nicht wahr sein", murmelte sie.
„Haben Sie Ladekabel-Kummer?", fragte eine fröhliche Stimme neben ihr.
Renate schaute auf. Eine junge Frau mit buntem Rucksack und mindestens sieben verschiedenen Armbändern lächelte sie an.
„Ich habe ein Ladekabel! Und eine Powerbank! Und Gummibärchen! Möchten Sie auch Gummibärchen?"
Renate musste lachen. „Gerne. Zu allem ja."
Die junge Frau – sie stellte sich als Mia vor, Studentin auf dem Weg zur Musikfestival – teilte großzügig aus.
„Wissen Sie", sagte Mia und bot die Gummibärchen-Tüte herum, „ich finde Verspätungen eigentlich ganz gut. Da passieren die interessantesten Dinge."
[Lebendiger werden]
„Interessant?", fragte der ältere Herr von vorhin skeptisch. Er hatte sich inzwischen zu ihnen gesetzt. „Ich finde sie nervig."
„Das sind sie auch!", pflichtete ihm Mia zu. „Aber nervig kann auch interessant sein. Ich bin Walter, übrigens."
„Mia. Und das ist..." Sie schaute Renate fragend an.
„Renate. Und ich bin normalerweise nicht so entspannt bei Verspätungen."
„Normalerweise?", fragte Walter. „Und heute?"
Renate dachte nach. „Heute... habe ich keine Wahl. Also kann ich entweder zwei Stunden lang schlecht gelaunt sein. Oder..."
„Oder?", ermutigte Mia sie.
„Oder ich esse Gummibärchen mit zwei Fremden auf einem Bahnsteig."
„Das ist die richtige Einstellung!", rief Mia und hob ihre imaginäre Tasse. „Auf die Verspätung!"
[Mit wachsender Geselligkeit]
Zehn Minuten später hatten sich noch mehr Menschen zu ihnen gesellt. Herr Hoffmann, ein Geschäftsmann, der einen wichtigen Termin verpasste (aber zugab, dass er den Termin sowieso gefürchtet hatte). Frau Klein mit ihren zwei Kindern, die eigentlich zur Oma fuhren (die Kinder fanden die Verspätung großartig, weil sie länger auf dem Bahnhof spielen konnten).
Und dann war da noch Josef, ein älterer Herr mit Gitarre.
„Eine Gitarre?", fragte Renate. „Wer fährt denn mit Gitarre Zug?"
„Ich", sagte Josef schlicht. „Ich bin Musiklehrer. War Musiklehrer. Jetzt bin ich Rentner, aber die Gitarre nehme ich trotzdem überall mit hin."
„Können Sie was spielen?", fragte eines der Kinder.
Josef zögerte. „Hier? Auf dem Bahnsteig?"
„Warum nicht?", rief Mia. „Wir haben Zeit!"
[Beschreibend und mit Wärme]
Und so geschah etwas Merkwürdiges: Mitten auf dem Bahnsteig 3 des Hauptbahnhofs begann Josef zu spielen. Erst ein altes Volkslied, dann einen Schlager aus den Sechzigern.
Die Kinder tanzten. Mia klatschte im Takt. Walter, der alte Griesgram, summte sogar mit.
Andere wartende Fahrgäste blieben stehen. Manche filmten mit ihren Handys. Einige sangen mit.
Renate schaute sich um und konnte es kaum glauben. Vor einer Stunde war sie gestresst gewesen. Jetzt saß sie auf einem Bahnsteig, aß Gummibärchen und hörte einem Rentner beim Gitarrenspielen zu.
„Sehen Sie?", flüsterte Mia ihr zu. „Interessant."
[Mit einem kleinen Abenteuer]
Nach drei Liedern machte Josef eine Pause. „Ich habe Hunger", verkündete er.
„Ich auch!", riefen die Kinder.
Herr Hoffmann schaute auf seine Uhr. „Wir haben noch mindestens anderthalb Stunden. Im Bahnhof gibt es bestimmt was."
„Bahnhofsessen?", fragte Frau Klein skeptisch. „Das ist doch viel zu teuer."
„Ich habe eine bessere Idee", sagte Walter plötzlich. „Gegenüber vom Bahnhof ist ein türkischer Imbiss. Macht die besten Döner der Stadt."
„Aber wir können doch nicht alle den Bahnsteig verlassen!", protestierte Renate. „Was, wenn der Zug plötzlich doch kommt?"
Walter zeigte auf die Anzeigetafel. „Die Verspätung ist gerade auf 150 Minuten hochgegangen. Wir haben Zeit."
[Mit Abenteuerlust]
Und so zog eine Gruppe von acht Menschen – vom Kind bis zum Rentner – vom Bahnsteig zum Imbiss gegenüber. Der Besitzer, Mehmet, traute seinen Augen nicht.
„Was ist denn hier los? Eine Reisegruppe?"
„Eine Verspätungs-Gemeinschaft", erklärte Mia stolz.
Sie bestellten Döner, Pommes und türkischen Tee. Sie saßen an den kleinen Plastiktischen und erzählten sich Geschichten.
Walter erzählte von seiner ersten Zugfahrt 1958. „Da hatte man noch Abteilungen mit sechs Sitzplätzen. Und die Leute haben miteinander geredet! Nicht nur auf ihr Handy gestarrt."
„Wir reden doch gerade miteinander", warf Mia ein.
„Stimmt", gab Walter zu. „Vielleicht ist die Welt doch nicht so schlimm, wie ich immer denke."
[Warmherzig und bedeutsam]
Renate schaute auf ihr Handy. Es war inzwischen aufgeladen. Sie hatte drei Nachrichten von Inge. Die letzte sagte: „Mach dir keine Sorgen. Ich warte. Genieß die Reise!"
Genieß die Reise.
Sie schaute sich um. Die Kinder malten mit Mias Buntstiften auf Servietten. Josef zeigte Herrn Hoffmann Gitarrengriffe auf seinem Handy. Frau Klein und Walter diskutierten über die besten Zugstrecken Deutschlands.
Das war nicht ihre geplante Reise. Aber es war... schön.
„Wissen Sie", sagte sie zu Mia, „ich hätte nie gedacht, dass ich das sage, aber: Diese Verspätung war vielleicht gar nicht so schlimm."
Mia grinste. „Das Beste im Leben passiert zwischen den Plänen."
[Mit freudiger Auflösung]
Als sie zum Bahnhof zurückkamen, stand der Zug tatsächlich da. Endlich. Mit nur noch 20 Minuten weiterer Verspätung.
Sie stiegen alle zusammen ein. Und wie durch ein Wunder fanden sie ein großes Abteil mit acht Plätzen.
„Das ist Schicksal!", rief Mia.
Die Fahrt nach Hamburg wurde zur Fortsetzung ihres Bahnsteig-Treffens. Josef spielte leise Gitarre (bis der Schaffner kam und ihn bat, aufzuhören – aber er lächelte dabei). Die Kinder teilten ihre Süßigkeiten. Walter kaufte eine Runde Kaffee für alle.
[Nachdenklich]
„Wissen Sie", sagte Renate irgendwann während der Fahrt, „ich bin immer gestresst, wenn Dinge nicht nach Plan laufen. Aber heute... heute habe ich gelernt, dass manche Umwege schöner sind als der direkte Weg."
„Und billiger!", fügte Herr Hoffmann hinzu. „Den Termin hätte ich nicht haben wollen. Jetzt habe ich eine perfekte Ausrede."
„Und neue Freunde", sagte Frau Klein leise.
Das war es. Neue Freunde. Acht Menschen, die sich vor vier Stunden nicht kannten. Die ohne die Verspätung niemals miteinander gesprochen hätten.
[Berührend zum Ende]
Als der Zug in Hamburg einfuhr, tauschten sie Telefonnummern aus.
„Wir müssen in Kontakt bleiben!", bestand Mia darauf.
„Nächstes Jahr treffen wir uns wieder", schlug Walter vor. „Gleicher Bahnhof, gleiche Zeit. Egal ob der Zug pünktlich ist oder nicht."
Alle stimmten zu.
Renate stieg aus und sah Inge am Bahnsteig warten.
„Du siehst gut aus", sagte Inge überrascht. „Für jemanden, der zwei Stunden Verspätung hatte."
„Weißt du", sagte Renate und umarmte ihre alte Freundin, „es waren die besten zwei Stunden seit langem."
[Warm ausklingen lassen]
An diesem Abend, im Hotel, schrieb Renate in ihr Tagebuch:
„Heute habe ich gelernt: Manchmal schenkt uns das Leben genau die Pause, die wir brauchen. Manchmal müssen Pläne durcheinandergeraten, damit wir die richtigen Menschen treffen. Und manchmal ist eine Verspätung kein Problem, sondern ein Geschenk."
Sie schaute auf ihr Handy. In der neuen WhatsApp-Gruppe „Bahnsteig 3 – Die Verspätungs-Gang" waren bereits 15 Nachrichten. Fotos vom Tag. Lachende Emojis. Und Josefs Nachricht: „Gleiches Datum, nächstes Jahr. Ich bringe die Gitarre mit."
Renate lächelte. Nächstes Jahr würde sie pünktlich sein.
Aber heimlich hoffte sie auf eine kleine Verspätung.
Fragen zum Gespräch und zur Vertiefung
[Diese Fragen ruhig und interessiert stellen, Zeit für Antworten lassen]
Über eigene Zugreisen:
Sind Sie früher oft Zug gefahren? Wohin ging es meistens?
Was war die längste Zugfahrt, die Sie gemacht haben?
Wie war Zugfahren früher anders als heute?
Über Begegnungen im Zug:
Haben Sie im Zug schon mal interessante Menschen kennengelernt?
Gab es früher mehr Gespräche zwischen Fahrgästen?
Erinnern Sie sich an eine besondere Zugbegegnung?
Über Verspätungen und Pläne:
Wie sind Sie früher mit Verspätungen oder Planänderungen umgegangen?
Gab es eine Situation, wo aus einem Problem etwas Gutes wurde?
Sind Sie eher jemand, der gerne plant, oder mögen Sie Spontanes?
Über Reisen früher:
Was war das Besondere an Zugreisen in Ihrer Zeit?
Wie haben sich Bahnhöfe verändert seit damals?
Gab es Züge mit Abteilen? Wie war das?
Vertiefende Fragen:
Renate lernt, dass Umwege manchmal schöner sind. Gab es in Ihrem Leben auch solche "Umwege", die sich als richtig herausstellten?
Was bedeutet für Sie "das Beste passiert zwischen den Plänen"?
Mia sagt, Verspätungen können interessant sein. Können Sie das nachvollziehen?
Wenn Sie heute noch einmal eine lange Zugfahrt machen könnten – wohin würde sie gehen?
Was haben Sie auf Reisen am meisten geschätzt – das Ankommen oder die Reise selbst?
[Tipp für den Vorleser: Zugfahrten wecken oft sehr lebendige Erinnerungen! Viele Bewohner sind früher viel Zug gefahren – zur Arbeit, zu Verwandten, in den Urlaub. Die Geschichten über volle Züge, lange Reisen, Begegnungen im Abteil können sehr detailliert und emotional sein. Diese Geschichte gibt Anlass, sowohl über die nostalgischen Aspekte des Zugfahrens zu sprechen (die Abteile, die Zugbegleiter, die Bahnhofsgaststätten) als auch über die zwischenmenschlichen Momente. Lassen Sie viel Raum für Erzählungen – oft entwickeln sich die schönsten Gespräche, wenn Bewohner sich gegenseitig von ihren Zugreisen berichten!]