Der Schrebergarten [Vorlesegeschichte für Pflegekräfte]

VORLESEGESCHICHTEN FÜR PFLEGEKRÄFTE

11/16/20255 min read

Liebe Pflegekräfte,

diese Geschichte über einen Mann, der im Alter einen Schrebergarten übernimmt, dauert etwa 8-10 Minuten im Vorlesen. Sie eignet sich hervorragend, um Erinnerungen an die eigene Gartenarbeit zu wecken und über Themen wie Gemeinschaft, Sinnhaftigkeit und die Freude am Wachsen ins Gespräch zu kommen.

Worum geht es? Heinrich bekommt zu seinem 75. Geburtstag einen verwilderten Schrebergarten geschenkt. Anfangs überfordert, findet er durch die Hilfe netter Gartennachbarn nicht nur zurück zur Gartenarbeit, sondern auch zu neuer Lebensfreude und Gemeinschaft.

Hinweise zum Vorlesen:

  • Lesen Sie ruhig und beschreibend, besonders bei den Gartenszenen

  • Die [Handlungsanweisungen] helfen beim richtigen Tempo

  • Bei den Beschreibungen der Pflanzen und des Gartens gerne etwas Zeit lassen – viele Bewohner haben konkrete Bilder vor Augen

  • Die Geschichte hat eine positive, aufbauende Stimmung – das darf man beim Vorlesen spüren

Warum diese Geschichte? Viele Ihrer Bewohner haben früher selbst gegärtnert oder einen Schrebergarten gehabt. Diese Geschichte kann sehr lebhafte und detailreiche Erinnerungen wecken. Besonders schön: Sie zeigt, dass es nie zu spät ist, etwas Neues zu beginnen.

Nach dem Vorlesen: Die Fragen am Ende laden zu ausführlichem Erzählen ein. Gartenerinnerungen sind oft sehr konkret und bildhaft – Bewohner können sich oft noch genau erinnern, wo die Tomaten standen oder wie die Rosen dufteten. Geben Sie viel Raum für diese Geschichten!

Besonders geeignet für:

  • Bewohner, die früher einen Garten oder Schrebergarten hatten

  • Menschen, die gerne in der Natur waren

  • Bewohner, die sich nach Gemeinschaft sehnen

  • Kleine Gruppen von 4-8 Personen (Gartengespräche werden oft lebhaft!)

Der Schrebergarten

[Ruhig und beschreibend beginnen]

Heinrich stand vor dem alten Schrebergarten und seufzte. Das Unkraut stand kniehoch, die Himbeersträucher waren verwildert, und das kleine Gartenhäuschen hatte schon bessere Tage gesehen. Seine Tochter hatte ihm den Garten zu seinem 75. Geburtstag geschenkt – oder besser gesagt: gepachtet.

„Papa, du brauchst eine Aufgabe", hatte sie gesagt. „Und frische Luft."

Heinrich war sich nicht sicher, ob das eine gute Idee gewesen war. Er hatte seit Jahren nicht mehr gegärtnert. Nicht seit er die große Wohnung aufgegeben und in die kleine Seniorenwohnung gezogen war.

[Etwas lebhafter]

„Na, das ist aber eine Wildnis geworden!", rief eine fröhliche Stimme über den Zaun. Eine ältere Frau mit bunter Schürze und Strohhut winkte ihm zu. „Sie müssen der neue Pächter sein! Ich bin Margarete, vom Garten nebenan."

Heinrich nickte etwas verlegen. „Heinrich Berger. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll."

„Am Anfang natürlich!", lachte Margarete. „Kommen Sie doch erst mal rüber auf einen Kaffee. Dann zeige ich Ihnen, was alles möglich ist."

[Warm und einladend erzählen]

In Margaretes Garten sah es aus wie im Paradies. Ordentliche Beete mit Tomaten, Gurken und Salat. Bunte Blumen an den Rändern. Ein kleiner Tisch unter einem Apfelbaum, auf dem schon Kaffee und selbstgebackener Kuchen standen.

„Setzen Sie sich", sagte Margarete freundlich. „Jeder Garten hat mal so ausgesehen wie Ihrer. Meiner vor drei Jahren auch, als ich ihn übernommen habe."

„Wirklich?" Heinrich konnte es kaum glauben.

„Wirklich! Aber wissen Sie was? Das Schöne am Gärtnern ist, dass man jeden Tag ein bisschen was sehen kann. Man muss nicht alles auf einmal schaffen."

[Mit Tatkraft]

Am nächsten Morgen stand Heinrich früh auf. Er hatte in der Nacht kaum geschlafen, so viele Ideen schwirrten ihm im Kopf herum. Mit Handschuhen und einer alten Harke bewaffnet machte er sich ans Werk.

Das Unkraut musste weg. Stück für Stück kämpfte er sich voran. Seine Knie protestierten, sein Rücken murrte, aber Heinrich merkte etwas Seltsames: Er fühlte sich lebendig.

„Brauchen Sie Hilfe?", fragte eine Stimme. Ein Mann um die siebzig lehnte am Zaun. „Ich bin Karl, drei Gärten weiter. Habe gesehen, wie Sie sich abmühen."

Gemeinsam schafften sie an diesem Tag ein ganzes Beet. Karl erzählte von seinen Kartoffeln, die dieses Jahr besonders gut gerieten, und Heinrich erzählte von früher, als er mit seinem Vater im Garten gearbeitet hatte.

[Beschreibend, Zeit verstreichen lassen]

Die Wochen vergingen. Jeden Morgen kam Heinrich in seinen Garten. Margarete brachte ihm Tomatenpflanzen vorbei. „Die habe ich übrig, die können Sie gut gebrauchen!" Karl half ihm, das Gartenhäuschen zu reparieren. Und Frau Weber vom Garten gegenüber schenkte ihm Samen für Radieschen und Möhren.

„Die müssen Sie jetzt noch schnell säen", sagte sie. „Dann haben Sie im Herbst noch eine schöne Ernte."

Heinrich staunte, wie hilfsbereit alle waren. Niemand lachte über seine Anfängerfehler. Als er die Gurken zu dicht gepflanzt hatte, zeigte ihm Margarete einfach, wie man sie umsetzen konnte. Als die Schnecken über seinen Salat herfielen, brachte Karl ihm Schneckenkorn vorbei.

[Mit Freude und Stolz]

Eines Morgens im Juli stand Heinrich in seinem Garten und konnte es kaum fassen. Die Tomaten trugen die ersten grünen Früchte. Die Radieschen lugten rot aus der Erde. Die Sonnenblumen, die er an den Zaun gesät hatte, waren schon mannshoch.

„Sieht doch schon ganz anders aus!", rief Margarete vom Nachbargarten. „Heinrich, wir machen heute Abend ein kleines Gartenfest. Alle zusammen. Sie kommen doch auch?"

[Gemütlich und warm]

Abends saßen sie zu sechst unter Margaretes Apfelbaum. Jeder hatte etwas mitgebracht: frisches Brot, selbstgemachte Marmelade, Kuchen, Kaffee. Karl hatte sogar ein paar Würstchen dabei.

„Auf die neue Gartensaison!", rief Frau Weber und hob ihre Kaffeetasse.

Heinrich schaute in die fröhlichen Gesichter und spürte etwas, das er lange nicht mehr gefühlt hatte: Er gehörte dazu. Er hatte nicht nur einen Garten gefunden, sondern auch Freunde.

„Wisst ihr", sagte er und seine Stimme wurde etwas leiser, „ich habe mich schon lange nicht mehr auf den nächsten Tag gefreut. Aber jetzt freue ich mich jeden Abend darauf, morgen wieder in meinen Garten zu gehen."

Margarete legte ihm die Hand auf den Arm. „Das ist die Magie der Gärten, lieber Heinrich. Sie lassen nicht nur Pflanzen wachsen."

[Bedeutsam zum Abschluss]

Als Heinrich an diesem Abend nach Hause ging, blieb er noch einmal an seinem Garten stehen. Im letzten Licht der Abendsonne sah alles friedlich aus. Die Pflanzen, die er gehegt und gepflegt hatte. Das kleine Häuschen, das wieder einen frischen Anstrich hatte. Die Bank, die Karl ihm geschenkt hatte.

Seine Tochter hatte recht gehabt. Er hatte eine Aufgabe gebraucht. Aber er hatte noch viel mehr bekommen: einen Ort zum Hingehen, Menschen zum Reden, und das gute Gefühl, dass jeden Tag etwas wächst und gedeiht.

Morgen würde er als Erstes nach den Tomaten sehen. Und vielleicht würde er Margarete fragen, ob sie ihm zeigen konnte, wie man Marmelade einkocht.

[Ruhig ausklingen]

Der Sommer war noch lang, und es gab noch so viel zu lernen.

Fragen zum Gespräch und zur Vertiefung

[Diese Fragen ruhig und interessiert stellen, Zeit für Antworten lassen]

Über eigene Gartenerfahrungen:

  • Hatten Sie früher einen Garten oder Schrebergarten?

  • Was haben Sie am liebsten angepflanzt – Gemüse, Blumen oder beides?

  • Können Sie sich noch an Ihre erste eigene Ernte erinnern?

Über das Gärtnern:

  • Was hat Ihnen an der Gartenarbeit am meisten Freude gemacht?

  • Gab es etwas, das bei Ihnen besonders gut gewachsen ist?

  • Hatten Sie auch manchmal Probleme – wie Schnecken oder Schädlinge?

Über Gemeinschaft:

  • Kannten Sie Ihre Gartennachbarn gut?

  • Haben Sie sich auch gegenseitig geholfen und Pflanzen getauscht?

  • Gab es bei Ihnen auch Gartenfeste oder gemeinsame Treffen?

Vertiefende Fragen:

  • Was bedeutet es für Sie, etwas wachsen zu sehen?

  • Welche Jahreszeit mochten Sie im Garten am liebsten?

  • Wenn Sie heute noch einmal einen Garten hätten – was würden Sie als Erstes pflanzen?

  • Welcher Gartenduft ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

[Tipp für den Vorleser: Gartenerinnerungen können sehr lebhaft sein! Lassen Sie den Bewohnern viel Raum zum Erzählen. Oft kommen wunderbare Geschichten über selbstgezogenes Gemüse, Nachbarschaftshilfe oder besondere Ernten. Zeigen Sie echtes Interesse – manchmal entstehen die schönsten Gespräche aus einer einfachen Frage über Tomaten oder Rosen.]