Der kleine Streuner [Eine Vorlesegeschichte für Pflegekräfte]

VORLESEGESCHICHTEN FÜR PFLEGEKRÄFTE

11/14/20255 min read

Liebe Pflegekräfte,

diese Geschichte über eine einsame Frau und einen heimatlosen Hund dauert etwa 8-10 Minuten im Vorlesen. Sie eignet sich besonders gut, um Erinnerungen an eigene Haustiere zu wecken und über die Themen Einsamkeit, Fürsorge und neue Lebensfreude ins Gespräch zu kommen.

Worum geht es? Elfriede lebt allein und fühlt sich einsam, da ihre Kinder weit weg wohnen. Als ein struppiger Streuner in ihrem Garten auftaucht, verändert sich ihr Leben. Die Geschichte zeigt, wie Mensch und Tier sich gegenseitig Halt und Freude schenken können.

Hinweise zum Vorlesen:

  • Lesen Sie ruhig und warmherzig, besonders bei den emotionalen Momenten

  • Die [Handlungsanweisungen] helfen Ihnen, das Tempo anzupassen

  • Bei der Rettungsszene im Regen nicht zu dramatisch werden – es bleibt eine sanfte Geschichte

  • Die Stelle, wo Bruno gerettet wird, kann bei tierlieben Menschen Emotionen wecken – geben Sie Zeit zum Nachfühlen

Nach dem Vorlesen: Die Fragen am Ende laden zum Austausch über eigene Haustiere ein. Viele ältere Menschen haben wunderbare Tiergeschichten zu erzählen – geben Sie ihnen Raum dafür. Oft entstehen dabei sehr lebhafte und fröhliche Gespräche.

Besonders geeignet für:

  • Tierliebe Bewohner

  • Menschen, die früher selbst Hunde oder Katzen hatten

  • Bewohner, die sich manchmal einsam fühlen

  • Kleine Gruppen von 3-6 Personen oder Einzelgespräche

Viel Freude beim Vorlesen!

Der kleine Streuner

Elfriede stand am Küchenfenster und schaute in den herbstlichen Garten. Ihre Kinder wohnten weit weg – Anna in Hamburg, Peter in München. Sie kamen nur selten zu Besuch, hatten ihre eigenen Familien, ihre eigene Leben. Das verstand Elfriede ja, aber manchmal fühlte sich das Haus doch sehr still an.

Die tickende Wanduhr im Flur, das Rauschen der Autos draußen – das war alles, was sie den ganzen Tag hörte.

[Etwas lebendiger, Aufmerksamkeit wecken]

An diesem Novembermorgen sah sie plötzlich eine Bewegung am Gartenzaun. Ein Hund! Ein kleiner, struppiger Hund mit braunem Fell, das voller Dreck und Kletten war. Er schnüffelte am Zaun entlang, als würde er nach etwas suchen.

Der Hund sah dünn aus, viel zu dünn.

[Mit Mitgefühl erzählen]

Elfriede öffnete die Hintertür einen Spalt. Der Hund hielt inne, bereit zur Flucht. Seine braunen Augen waren vorsichtig, aber auch hoffnungsvoll.

„Du siehst ja hungrig aus", sagte Elfriede leise. Sie holte ein Stück Wurst aus der Küche und warf es in den Garten.

Der Hund kam vorsichtig näher und verschlang die Wurst in Sekundenschnelle. Dann sah er Elfriede wieder an – diese braunen Augen, die so viel zu erzählen schienen.

[Wärmer werden im Ton]

Am nächsten Morgen war der Hund wieder da. Und am übernächsten auch. Jedes Mal stand Elfriede ein bisschen früher auf, damit sie ihn nicht verpasste. Beim Einkaufen dachte sie plötzlich an ihn. „Ein Päckchen Hundekekse bitte", sagte sie beim Kaufmann, und zum ersten Mal seit langem freute sie sich auf etwas.

„Wie soll ich dich nennen?", fragte sie eines Morgens, als der Hund schon mutiger geworden war. „Du siehst aus wie ein Bruno. Mein Vater hatte mal einen Hund, der hieß Bruno."

Der Hund kippte den Kopf zur Seite, als würde er verstehen.

„Also gut, Bruno bist du."

[Mit leichter Sorge]

Nach einer Woche mit eisigem Regen stand Bruno eines Morgens nicht am Zaun. Elfriede wartete eine Stunde, dann noch eine. Ihr Herz wurde schwer. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war?

Sie zog ihren Mantel an, nahm eine Tüte Hundekekse und machte sich auf die Suche. Hinter der alten Scheune am Ortsrand hörte sie ein leises Winseln. Da lag Bruno, zusammengekauert in einer Ecke, zitternd vor Kälte und durchnässt vom Regen.

„Ach Bruno", flüsterte Elfriede. „Komm, wir gehen nach Hause."

Sie wickelte den zitternden Hund in ihren Schal und trug ihn – so schwer es auch war – den ganzen Weg zurück.

[Fürsorglich und warm]

Zu Hause rieb sie Bruno mit einem alten Handtuch trocken. Sie machte warme Suppe und stellte eine Schale mit Wasser hin. Bruno trank gierig, fraß die Suppe und legte sich erschöpft auf die alte Decke neben dem Ofen.

„So", sagte Elfriede bestimmt. „Jetzt bleibst du hier. Zumindest bis dieser schreckliche Regen aufhört."

Aber der Regen hörte nicht auf. Und Bruno blieb.

[Lebendiger, mit Freude erzählen]

Zuerst nur auf der Decke am Ofen. Dann durfte er ins Wohnzimmer. Nach einer Woche lag er abends neben Elfriedes Sessel, wenn sie strickte oder fernsah.

Das Haus wurde wieder lebendig. Morgens wurde Elfriede von einem feuchten Hundeschnäuzchen geweckt. Beim Frühstück saß Bruno erwartungsvoll daneben. Beim Spaziergang im Park traf Elfriede andere Hundebesitzer, und plötzlich hatte sie wieder Menschen zum Reden.

„Das ist Bruno", stellte sie stolz vor. „Mein Hund."

Mein Hund. Die Worte fühlten sich gut an.

[Mit Wärme und kleinem Humor]

Frau Meier von nebenan hatte am Anfang skeptisch geschaut. „So ein Straßenköter", hatte sie gemurrt. Aber dann sah sie, wie Bruno Elfriede beim Tragen der Einkaufstaschen begleitete und wie Elfriede wieder lächelte.

„Na ja", gab Frau Meier schließlich zu, „vielleicht ist er doch ganz nett. Und Sie sehen auf einmal viel fröhlicher aus, Frau Krause."

Das stimmte. Elfriede stand jetzt früher auf, ging regelmäßig spazieren, und das Haus duftete wieder nach Leben – nach frischgebackenem Brot, nach Suppe, nach dem feuchten Fell eines Hundes, der gerade vom Regen heimgekommen war.

[Bedeutsam, etwas langsamer]

Eines Abends, als der erste Schnee fiel und Bruno neben ihrem Sessel döste, streichelte Elfriede über sein weiches Fell. Es glänzte jetzt gesund und gepflegt.

„Weißt du, Bruno", sagte sie leise, „ich glaube, wir haben uns gegenseitig gerettet. Ich habe dir ein Zuhause gegeben, aber du – du hast mir einen Grund gegeben, morgens aufzustehen."

Bruno hob den Kopf und legte ihn auf ihre Knie. Seine braunen Augen sahen sie an mit einem Blick, der alles sagte: Ich bin jetzt da. Ich bleibe bei dir.

[Warm zum Abschluss]

Draußen wirbelte der Schnee, aber drinnen war es warm und gemütlich. Die Wanduhr tickte noch immer, aber jetzt war da auch Brunos leises Schnarchen, das Rascheln, wenn er sich im Schlaf bewegte, und manchmal ein zufriedenes Seufzen.

Das Haus war wieder ein Zuhause geworden.

Fragen zum Gespräch und zur Vertiefung

[Diese Fragen ruhig stellen, Zeit für Antworten lassen]

Über eigene Haustiere:

  • Hatten Sie früher einen Hund oder eine Katze?

  • Wie hieß Ihr Haustier und was war das Besondere an ihm?

  • Können Sie sich noch erinnern, wie Sie zu Ihrem Tier gekommen sind?

Über die Beziehung zu Tieren:

  • Was haben Sie am liebsten mit Ihrem Haustier gemacht?

  • Hatte Ihr Tier auch besondere Angewohnheiten oder lustige Eigenheiten?

  • Gab es einen Lieblingsplatz, wo Ihr Tier immer lag?

Über Freundschaft und Gesellschaft:

  • Haben Sie durch Ihr Haustier auch neue Menschen kennengelernt?

  • Was bedeutet es für Sie, für jemanden oder etwas zu sorgen?

  • Erinnern Sie sich an einen besonders schönen Moment mit Ihrem Tier?

Vertiefende Fragen:

  • Glauben Sie, dass Tiere spüren, wenn wir uns einsam fühlen?

  • Welche Tiere mochten Sie als Kind am liebsten?

  • Wenn Sie heute noch einmal ein Haustier haben könnten – welches wäre es?

[Tipp für den Vorleser: Lassen Sie nach jeder Frage genug Zeit für Antworten. Oft kommen die schönsten Tiergeschichten erst nach einer kleinen Pause. Zeigen Sie echtes Interesse an den Erzählungen.]