Der heimliche Gast im Garten

VORLESEGESCHICHTEN FÜR SENIOREN

6/6/20264 min read

Aquarell eines jungen Rehkitzes mit weißen Flecken im taunassen Gras am Morgen – Vorlesegeschic
Aquarell eines jungen Rehkitzes mit weißen Flecken im taunassen Gras am Morgen – Vorlesegeschic

Mattes Morgenlicht über einem stillen Maigarten, der warme, bittere Duft von frischem Kaffee, die Amsel im Apfelbaum – und ein schlafendes Rehkitz mit weißen Flecken im taunassen Gras. Ein heimlicher Gast an einem frühen Morgen, der Erinnerungen an stille Begegnungen mit der Natur weckt.

Neu hier? Unsere Sternenbrise-Geschichten sind kleine Türöffner: Sie wecken Erinnerungen und bringen ältere Menschen ins Erzählen. Das Wichtigste passiert nach dem Vorlesen - im Gespräch. So wirken unsere Geschichten →

Tipps zum Vorlesen:

Im Text findest du fett gedruckte Anweisungen in Klammern – diese sind nur für dich. Sie zeigen dir, wann eine Pause sinnvoll ist oder welche Stimmung passt. Lies ruhig und natürlich, gib Raum für Reaktionen. Zeig Emotionen und lass sie wirken, damit sie sich entfalten können.

Nach der Geschichte findest du Gesprächsanregungen. Diese Fragen sind der eigentliche Öffner: Sie bringen dein Gegenüber ins Erzählen, wecken weit zurückliegende Erinnerungen. Sei neugierig, was dein Gegenüber dir zu erzählen hat.

Der heimliche Gast im Garten

Martha wachte früh auf, noch bevor die Sonne richtig da war. Durch das Schlafzimmerfenster fiel mattes, graues Licht. Ein Maimorgen, kühl und still.

Sie stand auf und ging in die Küche. Setzte Wasser für den Kaffee auf. Während die Kanne auf dem Herd zu summen begann, schaute sie aus dem Fenster in den Garten hinaus.

(Kurze Pause)

Da bewegte sich etwas. Hinten, am Rand zur Wiese. Etwas Helles, Kleines.

Martha trat näher ans Fenster und kniff die Augen zusammen. Was war das?

(Zeit zum Nachdenken lassen)

Ein Rehkitz. Ein junges, vielleicht erst wenige Wochen alt. Es lag im hohen Gras, zusammengerollt wie ein Kätzchen. Die weißen Flecken auf dem rotbraunen Fell leuchteten im ersten Morgenlicht.

Martha hielt den Atem an. Ein Reh. Hier. In ihrem Garten.

(Langsam und bedächtig)

Sie rührte sich nicht, wollte es nicht erschrecken. Das Kitz hatte die großen dunklen Augen geschlossen. Es schlief noch, oder es ruhte sich aus. Nur die Flanke hob und senkte sich, ganz sanft.

Die Mutter war bestimmt in der Nähe, das wusste Martha. Ricken ließen ihre Jungen oft allein zurück, gingen fressen und kamen später wieder.

(Tief einatmen, als röche man den frischen Kaffee)

Hinter ihr begann der Kaffee zu blubbern. Sie nahm die Kanne vom Herd. Der warme, bittere Duft füllte die kleine Küche und mischte sich mit der kühlen, grünen Morgenluft, die durch den Fensterspalt hereinkam.

Martha goss sich eine Tasse ein und setzte sich an den Küchentisch. Von hier konnte sie das Fenster sehen, und durch das Fenster das Kitz.

Sie trank langsam. Die heiße Tasse wärmte ihre Hände. Draußen wurde das Licht heller und wärmer. Die Vögel begannen zu singen, die Amsel im Apfelbaum, die Meisen im Flieder.

Das Kitz öffnete die Augen. Die großen Ohren zuckten, horchten in alle Richtungen. Dann stand es auf, langsam, unsicher auf den dünnen Beinen. Wie auf Stelzen, so zierlich.

(Lächelnd vorlesen)

Es machte ein paar Schritte, schnupperte am Gras, knabberte an einem Halm. Wie vorsichtig es war. Wie scheu.

Aquarell von Rotwild auf zarten Beinen im morgendlichen Garten am Waldrand
Aquarell von Rotwild auf zarten Beinen im morgendlichen Garten am Waldrand

Aquarell von Rotwild am Waldrand.

Plötzlich hob das Kitz den Kopf und schaute zum Waldrand, der an Marthas Grundstück grenzte. Dort stand die Ricke, reglos zwischen den Bäumen, und beobachtete ihr Junges.

Das Kitz machte einen kleinen Sprung. Dann noch einen. Es tänzelte über die taunasse Wiese, der Mutter entgegen, und wo seine Hufe das Gras streiften, stoben winzige Tautropfen auf und blitzten in der tiefen Sonne.

(Kurze Pause)

Die Ricke wartete. Als das Kitz sie erreichte, senkte sie den Kopf und stupste es sanft. Dann drehten sich beide um und verschwanden lautlos zwischen den Bäumen.

Martha blieb noch einen Moment sitzen. Dann stellte sie die Tasse ab und ging zur Hintertür.

(Tief einatmen, als röche man die frische Morgenluft)

Draußen schlug ihr die Morgenluft entgegen, frisch und feucht, nach Tau und nach Gras. Das nasse Gras kühlte ihre nackten Füße.

Sie ging zu der Stelle am Wiesenrand, wo das Kitz gelegen hatte, und kniete sich hin. Im Gras war eine kleine Mulde, flachgedrückt und rund. Sie legte die Hand hinein.

(Langsam und bedächtig)

Das Gras war noch warm. Warm von dem kleinen Körper, der eben noch hier gelegen hatte. An Marthas Fingern blieben ein paar kühle Tautropfen hängen. Es roch hier nach warmem Gras und ganz schwach nach Tier.

Über ihr, im Apfelbaum, sang die Amsel.

(Lächelnd vorlesen)

Der Garten lag hell und still in der Morgensonne, und im Gras blieb die kleine, warme Mulde, wo der heimliche Gast gelegen hatte.

Gesprächsanregungen

Lies die Geschichte vor - und komme danach mit diesen Fragen ins Gespräch.

  • Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich ein schlafendes Rehkitz mit weißen Flecken im hohen Gras vorstellen?

  • Welche Tiere haben sich bei Ihnen oder in Ihrer Familie früher einmal bis an Haus oder Garten gewagt?

  • Wie sah bei Ihnen oder in Ihrer Familie ein früher, stiller Morgen aus, bevor der Tag richtig begann?

  • Welches Gefühl löst es in Ihnen aus, einem scheuen Wildtier ganz nah und doch ungestört zusehen zu können?

  • Wenn Sie jetzt mit der Hand in die warme Mulde im Gras fassen könnten, in der das Kitz gelegen hat – woran würde Sie das erinnern?

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