Das Sommergewitter

VORLESEGESCHICHTEN FÜR SENIOREN

6/14/20264 min read

Blick von der trockenen Terrasse in den Garten, während der Regen als grauer Vorhang fällt
Blick von der trockenen Terrasse in den Garten, während der Regen als grauer Vorhang fällt

Heißer Stein, der plötzlich nach Regen riecht, der erste schwere Tropfen auf der warmen Terrasse, das Platschen und Rauschen im Garten – und danach die kühle, gewaschene Luft. Ein Sommergewitter, von der Terrasse aus erlebt, das Erinnerungen an die Gewitter von früher weckt.

Neu hier? Unsere Sternenbrise-Geschichten sind kleine Türöffner: Sie wecken Erinnerungen und bringen ältere Menschen ins Erzählen. Das Wichtigste passiert nach dem Vorlesen - im Gespräch. So wirken unsere Geschichten →

Tipps zum Vorlesen:

Im Text findest du fett gedruckte Anweisungen in Klammern – diese sind nur für dich. Sie zeigen dir, wann eine Pause sinnvoll ist oder welche Stimmung passt. Lies ruhig und natürlich, gib Raum für Reaktionen. Zeig Emotionen und lass sie wirken, damit sie sich entfalten können.

Nach der Geschichte findest du Gesprächsanregungen. Diese Fragen sind der eigentliche Öffner: Sie bringen dein Gegenüber ins Erzählen, wecken weit zurückliegende Erinnerungen. Sei neugierig, was dein Gegenüber dir zu erzählen hat.

Das Sommergewitter

Den ganzen Nachmittag hatte die Sonne auf den Hof gebrannt. Das Hemd klebte Wilhelm im Nacken, und auch im Schatten der Markise war es kaum besser.

Die Luft stand schwer über dem Garten. Seit dem Mittag hatte sich kein Halm gerührt. Die Blätter am Birnbaum hingen still herab. Über den Beeten flimmerte die Hitze, und der Lavendel am Weg roch streng und süß.

Wilhelm trat auf die Terrasse. Die Steinplatten waren warm unter den Sohlen, fast heiß. Er legte die Hände auf die Brüstung und sah in den Garten hinaus.

Am Himmel schob sich etwas zusammen. Im Westen, hinter den Pappeln, wurde es dunkel. Eine Wand aus Grau, von unten her gelblich. Das Licht im Garten wurde sonderbar. Grün und still und schwer.

(Kurze Pause)

Dann kam der erste Windstoß. Er fuhr durch den Birnbaum, und die Blätter kehrten ihre helle Unterseite nach oben. Ein Tuch auf der Leine schlug gegen den Pfahl. Irgendwo fiel eine Tür ins Schloss.

Es roch nach Staub. Nach heißem Stein und trockener Erde. Und darunter, ganz fein, etwas Kühles, das nach Regen roch, noch ehe ein Tropfen gefallen war.

In der Ferne grollte es. Lang und satt, wie ein schwerer Wagen über Kopfsteinpflaster. Wilhelm zählte leise die Sekunden, so wie früher.

(Tief einatmen, als spüre man selbst die schwere Luft)

Die Vögel waren verstummt. Der ganze Garten hielt den Atem an.

Aquarell eines regennassen Gartens bei einem Gewitter, Tropfen glitzern auf den Blättern
Aquarell eines regennassen Gartens bei einem Gewitter, Tropfen glitzern auf den Blättern

Vor ihm fiel der Regen wie ein grauer Vorhang, und die Luft wurde mit einem Schlag kühl.

Dann fiel der erste Tropfen. Schwer und einzeln klatschte er auf die warme Steinplatte und zersprang zu einem dunklen Fleck, so groß wie ein Markstück. Dann der zweite. Der dritte.

Und dann kam alles auf einmal.

Der Regen platschte in den Garten, dass es nur so spritzte. Er trommelte auf das Vordach über der Terrasse. Er rauschte in den Blättern des Birnbaums. In der Dachrinne begann es zu gurgeln und zu glucksen.

Wilhelm trat einen Schritt zurück, unter das Dach. Hier stand er trocken. Vor ihm fiel der Regen wie ein grauer Vorhang.

Mit einem Schlag war die Luft kühl. Sie strich ihm über die Arme, und er spürte, wie sich die Haut zusammenzog. Der Staubgeruch war fort. Jetzt roch es nach nasser Erde, nach Gras, nach dem ganzen Garten auf einmal.

Auf den breiten Blättern des Rhabarbers prasselte es laut. An der Regentonne neben der Tür schlug das Wasser über den Rand. Auf den Stufen zur Terrasse sprang es in hellen Spritzern auf. In den Pfützen auf dem Weg warf der Regen kleine Blasen, und von den Rinnen lief es in dicken, glänzenden Strängen.

(Zeit zum Nachdenken lassen)

Wilhelm sah zu und hatte es nicht eilig. Auf dem Tisch stand noch seine Tasse, der Kaffee längst kalt. Ein paar Spritzer waren bis dorthin geflogen.

Dann, so schnell wie er gekommen war, ließ der Regen nach. Das Trommeln wurde leiser. Vom Vordach fielen die Tropfen einzeln, plitsch, plitsch, in eine Pfütze.

Im Westen riss die Wolkendecke auf. Ein breiter Streifen Licht fiel über den Garten. Die nassen Blätter glänzten, als hätte sie jemand frisch gewaschen. An einem Spinnennetz am Geländer hingen winzige Tropfen wie Perlen aufgereiht.

Und dann sang wieder ein Vogel. Erst einer, dann ein zweiter.

Wilhelm legte die Hand auf das Geländer. Der Stein war kühl und nass. Er atmete die gewaschene Luft tief ein. Über dem Garten spannte sich, blass und schmal, ein Regenbogen.

Gesprächsanregungen

Lies die Geschichte vor - und komme danach mit diesen Fragen ins Gespräch.

  • Wie hat sich für Sie die Luft kurz vor einem Gewitter angefühlt – diese schwere, elektrisierende, warme Stille vor dem ersten Donner?

  • Von welchem Platz aus haben Sie bei sich zu Hause am liebsten zugesehen, wie der Regen herunterkam?

  • Wer in Ihrer Familie hatte vor einem Gewitter Respekt, und wer hat es eher genossen?

  • Was ging Ihnen durch den Kopf, wenn nach dem Gewitter plötzlich alles still und frisch gewaschen dalag?

  • Wenn Sie an das Platschen des Regens in den Pfützen denken – was kommt Ihnen dann in den Sinn?

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